Es ist kein Zufall, dass das Tai-Chi-Symbol (Yin & Yang) bereits Milliarden von Menschen auf ihrer Reise durchs Leben auf der Erde begleitet hat und seinen Einflussbereich weiterhin erweitert.

Als ich das erste Mal von dem Konzept hörte, dass das Leben ein Zusammenspiel von Dualitäten ist, transformierte es mein Denken. Ich kann mir nur vorstellen, was in diesem Moment in meinem Gehirn vor sich ging, aber es sah vermutlich so aus, als ob eine glühende Spinne durch meine Nervenbahnen raste und von Erfahrung zu Erfahrung, von Information zu Information raste – welche als einzelne und seperate Entitäten umherschwebten – und sie zu einem Netz von Verständnis zusammenwoben, welches bis heute existiert und sich kontinuierlich erweitert.

Die Seide aus der das Netz besteht, ist die Dualität, das Leitprinzip nach dem das Spiel des Lebens aufgebaut ist. Genau nachdem ich den letzten Satz beendet hatte, habe ich nach rechts geguckt und dieses Symbol gesehen:

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Noch nie in meinem Leben habe ich diesem Logo Aufmerksamkeit geschenkt. Aber in diesem Moment – genau wenn ich einer spontanen Inspiration folge und anfange einen Text über die Dualität zu verfassen – in diesem Moment schaue ich nach rechts und es offenbart sich mir das erste Mal. Manche würden das einen Zufall nennen, ich nenne es Synchronizität. Die Spinne spinnt ihr Netz nicht nur in meinem Gehirn, sie operiert auch in der Außenwelt und sobald du ihr auf der Fährte bist, erkennst du ihre Spuren überall.

Du siehst das rhythmische auf und ab des Herzschlags, du siehst die polaren Kräfte der Männlichkeit und der Weiblichkeit, welche an einem Samstagabend zum Herzschlag der Musik tanzen, du siehst das warme Licht der Sonne und den kalten Schein des Mondes, du siehst die penetrierende Form des Penis und die sich gebende Form der Vagina, du siehst Sommer und Winter, du siehst Tag und Nacht, du siehst Leben und Tod, du siehst Expression und Depression, du siehst das Ausatmen und das Einatmen. Du siehst den Krieger, wie er sich im einen Moment meditierend in sein Zelt setzt und sich voll der Entspannung hingibt und im nächsten Moment siehst du, wie er sein gesamtes Wesen anzapft, um die Herausforderung welche vor ihm liegt zu meistern. Zumindest tut dies ein wahrer Krieger.

Doch wenn ich nach draußen gehe und in den Straßen umherlaufe sehe ich selten Krieger. Ich sehe Feiglinge, überall wo ich hingehe, sehe ich Feiglinge. Ich gehe in mich selbst und auch dort treffe ich den Feigling an. Der Feigling scheint der dominierende Archetyp dieser Gesellschaft zu sein und das hat einen Grund. Nur Feiglinge können passive Sklaven sein. Sie leben auf der Oberfläche des Lebens. Ihnen wurde gesagt und gezeigt, dass es im Leben darum geht, einen guten Job zu bekommen, dass es darum geht, Reichtum und Besitz anzusammeln, dass es darum geht, ein schönes Haus und eine nette Familie zu haben und Schmerz und Unbehagen um jeden Preis zu vermeiden. Dass der Tod etwas falsches ist, dass Krankheiten böse sind, dass der Regen ekelig ist und dich krank macht, dass Depression nicht da sein sollte.

Und dann – langsam aber stetig – werden sie zu dem, was ihnen von einer Gesellschaft auf der Oberfläche erzählt wurde, eine Gesellschaft die Angst vor den Tiefen des Lebens hat und dich mit allen Mitteln auf der Oberfläche halten und dir weismachen will, dass Erfüllung in materiellen Gütern liegt, anstatt in den Erfahrungen des Lebens. Sie werden betäubt. Um sich von ihrer inneren Leere abzulenken, verlieren sie sich im Internet oder im Fernsehen. Weil sie weder ihren Geist noch ihren Körper dehnen und entspannen lassen, werden sie steif und ihre Energie kann nicht mehr frei durch ihren Körper fließen. Sie schlafen nicht mehr richtig, ihre Träume verlieren an Tiefe – zuerst in der Nacht, dann tagsüber. Ihre Atmung verflacht, ihr Herzschlag wird schwächer. Weil sie nicht mehr das totale Loslassen der Nacht erfahren, sind sie tagsüber müde und kompensieren dies mit literweise Kaffee. Ihre Lebensbegeisterung schwindet allmählich dahin, da sie keine Risiken mehr eingehen, und um sie zurückzuerlangen, trinken sie Alkohol, jedes Wochenende, manche jeden Tag. Viele nehmen Ecstasy, schnupfen Kokain. Sie wollen höher und höher fliegen, weil ihr Alltagsleben flacher und flacher wird. Doch jedes Mal, wenn sie tief ins Leben eingedrungen zu sein scheinen, fallen sie mit voller Wucht wieder auf den Boden und es wird immer härter diese Begeisterung für’s Leben natürlich zu bekommen. Wenn ihr Leben einen Punkt von Depression/Krankheit erreicht hat, wollen sie dies nicht wahrhaben, sie erlauben es nicht. Sie nehmen Medikamente und der übriggebliebene Rest von Lebensenergie schwindet ebenso dahin. Alles wird grau. Sie werden abhängig.

Siehst du die Spinne, welche alles was ich gerade geschrieben habe mit weißen und schwarzen Fäden verbindet? Verliere sie nicht aus den Augen. Suche nach ihr.

Was bedeutet das? Das bedeutet aufmerksam zu sein, zu sehen, zu hören, zu fühlen, wo der gegenwärtige Faden hinführt. Verurteile ihn nicht, denn dieses Urteil wird sehr wahrscheinlich nicht deines sein. Dieses Urteil wurde dir von einer Gesellschaft der Feiglinge gegeben, welche der Spinne selbst nie in die Tiefen des Lebens gefolgt sind. Ich sage folge dem Faden. Und wenn er dich in eine Depression führt, folge ihm! Geh nicht in Selbstmitleid unter, hör‘ nicht auf die Menschen, welche dir erzählen wollen, dass du nicht depressiv sein solltest, sondern folge ihm!

Jeder neue Faden, dem du folgst, wurde anders von der Spinne gewoben und die Vibration, welche erklingt, wenn du mit ihm in Berührung kommst, formt ein Lied. Ein Lied, dass du verpassen wirst, wenn du nicht den gesamten Weg gehst, wenn du dich mit Drogen und anderen Ablenkungen betäubst. Lausche dem Lied, lass dich davon verzaubern, verliere dich darin. Es ist ein Lied der Transformation, und es spielt keine Rolle, ob es ein weißer oder ein schwarzer Faden ist, beide werden dich transformieren, wenn du das Lied bis zum Ende hörst.
-Die schwarzen Fäden geben dir Tiefe, sie führen dich tief in deine innere Welt und eröffnen dir neue Möglichkeiten des Seins. Oftmals sind sie begleitet von einem Lied der Krise und Trauer. (Öffnen = weibliche Energie)
-Die weißen Fäden geben dir Höhe, sie nehmen die neugefundenen Möglichkeiten und manifestieren sie in deiner äußeren Welt, sie lassen dich alte Persönlichkeits-Schichten penetrieren und etablieren eine Verbindung mit den neuen Möglichkeiten, die du in deinem Inneren gefunden hast. Oftmals werden sie von einem Lied des aggressiven Handelns begleitet, welcher dein altes Selbst zerstört. (Aggressiv ist in diesem Zusammenhang nicht negativ behaftet, sondern meint das absolut fokussierte und zielgerichtete Nach-vorne-streben = männliche Energie)

Beide mögen dich und Außenstehende völlig verrückt erscheinen, doch vertraue dem Prozess! Dem Prozess zu vertrauen und zu folgen wird dich der Realisierung deiner wahren Natur mit jedem Faden ein Stückchen näher bringen, doch um deine wahre Natur zu realisieren (welche keine andere ist, als die eines Buddha, Christus oder Krishna), musst du deine alte Maske ablegen. Mit jeder neuen abgelegten Persönlichkeit (die Maske, die du momentan für wahr hältst), wird eine neue und tiefere Version deiner Selbst hervorbrechen.

Doch muss erst der Feigling in dir sterben. Der Feigling stirbt, und mit ihm die alten Gewohnheiten, welche dich auf der Oberfläche des Lebens hielten. Der Krieger bricht hervor.

Da er weiß, dass die Spinne ihn immer dahin führen wird, wo er sein soll, rennt er nicht von seiner gegenwärtigen Situation weg, sondern taucht tief in sie ein.

Da er weiß, dass sein Körper das Vehikel ist, durch welches er seine wahre Natur realisieren kann, ehrt er die Rhythmen seines Körpers: er ernährt sich gesund und gemäß der Saison, er schläft tief und fest und er lässt das hervorkommen, was sich durch seinen Körper ausdrücken will.

Da er weiß, dass alle Bewegung sich aus der Stille erhebt, nimmt er sich Zeit alleine zu sein und still dazusitzen.

Er mag materielle Güter immer noch genießen, doch ist er nicht an sie gebunden. Er benutzt sie, um noch tiefer in die Erfahrung des Lebens zu tauchen.

Der wahre Krieger folgt der Spinne der Dualität, auch und womöglich sogar weil ihm großer Widerstand auf seinem Weg begegnet. Er kann nicht länger auf der Oberfläche des Lebens bleiben. Er weiß, dass er es wert ist. Du weißt, dass du es wert bist. Du bist der Krieger. Lass ihn hervorbrechen.

Von der Mehrheit der Menschen in der westlichen Zivilisation wird der Todesaspekt traditionell vom Lebensaspekt getrennt, woraufhin die beiden Hälften dieser Einheit plötzlich wie unvereinbare Gegensätze wirken. Man hat uns beigebracht, dass der Tod etwas Endgültiges ist, ein Nichtsein, das stets nur weiteres Nichtsein nach sich zieht, was den Beobachtungen in der Natur aber nicht entspricht. Tod erzeugt und birgt ständig neues Leben, selbst wenn man in seiner Existenz schon bis auf die Knochen reduziert ist.
Anstatt die Archetypen Tod und Leben als unvereinbare Gegensätze zu sehen, sollte man sie sich als unzertrennliches Liebespaar vorstellen, als die rechte und die linke Hälfte eines einzigen Gedankens. Im Verlauf einer Liebe werden zahllose Tode gestorben, viele, scheinbar endgültige Endpunkte erreicht, und doch existiert das Wesen der Beziehung fort, solange die beiden Partner begreifen, dass der ewige Wechsel zwischen Werden und Vergehen das wahrhafte Konstante in ihrer Beziehung ist.

-Clarissa Estés, Die Wolfsfrau

Mehr über den Krieger-Archetypen kannst du im Buch König, Krieger, Magier, Liebhaber von Robert Moore erfahren.